Paul Kalkbrenner - zeit [cd]
(BPitch Control 032)

Das Zeit-Album ist vermutlich Kalkbrenners bestes Album bis jetzt.
"Sie liebt mich" startet so wunderbar sphaerisch, breit laechelnd und sonnig - bereits mit dem Anspruch der beste Titel des Albums sein zu koennen, ohne das der Rest daneben schlecht aussieht. Der "Fruehling" bringt dann nach und nach die ersten Beathaeppchen. "Kleine Speise" ist was es ist. "Zeit" beginnt dann immer mehr zu pulsieren... auszusetzen, einzusetzen...bleibt aber noch immer im Klang des Starts. "Kranich" macht schon im ersten Klang den Break den es dann auch rhythmisch umsetzt. Ein rhythmisches Flaschenpfeifen gleich Atem klingt, als solle man speziellen Spass zu dieser Musik haben. Immer wieder wird mit dem Ein- und Aussetzen von Beats und Pattern gearbeitet, dann von Dur auf Moll gewechselt und zurueck, ohne die Stimmung zu zersetzen. Nachdem der Kranich die Musik an der Geraderobe abgibt... macht das "Zipperlein" den Vorhang auf und schreitet langsam auf eine gewaltige Kulisse. Waehrend man das Vinylknistern als Teil auf- und wahrnimmt ist es auch schon wieder vorbei. "Selber" uebernimmt melodisch und rhythmisch die geschaerften Sinne und bedeutet einem den Anspruch Kalkbrenners Tanzflaechen auf seine Art chillig zu uebernehmen. Nach wie vor sind aussetzende Rhythmen eher heizend statt kuehlend.
Mitten in "selber" scheint denn auch bereits der naechste Titel "unterton" eingeleitet zu werden, was aber genauso minimal vonstatten geht, wie alles andere auf diesem so wunderbar ZEITlosen Album.
ueberraschungen bietet Kalkbrenner dennoch - mit jedem Titel irgendwie, trotzdem alles auf der gleichen Planisphaere bleibt. Das Album kann 20x gehoert werden und bleibt beim gleichen Anspruch.
So ueberrascht der "unterton" mit einer Vocoder einleitung, sehr melodioesem minimal-electro-Anhauch, einer Chorartigen Stringuntermalung die eine Richtung von Jarre aufweist. Gaenzlich weg bleibt der eigentliche Unterton, es gibt weder eine Drum noch einen anderen Bass ausser dem stehenden String, der sich so wunderbar in den Titel einpasst wie das Stueck auf das Konzeptalbum.
ueberhaupt liegt es Kalkbrenner ganz offensichtlich mit Woertern zu spielen, auch "tief" redet eher von Stimmung als von Frequenz, wenngleich Paul zur Drum zurueckfuehrt und wirklich von "deep" spricht. Wellenartig schaeumt deep die Seele vor sich hin wie an einem muscheluebersaetem Strand an der Ostsee wo Moewen gackern. Zu dem genialen Mix mit Claps kuendigt sich auch schon im Track der naechste "d-zug" an, als ob man gedankenversunken durch die Zeit reisen soll, lauschend. So lauscht man denn auch sensibilisiert, und "d-zug" faehrt zur Einleitung (mal wieder ueberraschend) garnicht, sondern klingt erstmal wie eine gerade angeheizte fauchende Dampflokomotive, die dann auch immer mehr ackert - letzlich losfaehrt und faehrt... sich in Kurven biegt, vom Gas geht - wieder Baeume und Landschaften vorbeirauschen laesst... Holz nachheizt und weiter ruhig vor sich hin atmet. Zuletzt rattert nur noch das Radgeflecht mit dem Gleis vor sich hin, bis sie fuer das Outro des gruenen Edelsteins "smaragd" Platz macht... der dann wieder so wunderbar Moll und Dur wechselt - mit pulsierenden Strings, gebrochenen Beats, einem stotternden Short-Electrobass - noch einmal schliessend und oeffnend von der Sphaere des ganzen Albums erzaehlend und in den Alltag ausblendend.
Man weiss garnicht, ob man jetzt zuhoeren, tanzen oder Kaffee trinken soll... Man kann zwischendurch lauschen, sich weiterunterhalten oder abtauchen. Grandios ! Unbedingte Kaufempfehlung...wie eigentlich Kalkbrenner grundsaetzlich eine ist.
wuerde man Titel aussuchen muessen um sie in eine Playlist zu fuegen, sollte man sich mit Vorliebe fuer das ganze Album entscheiden. Wer Anspieltips zum durchhoeren sucht, sollte "sie liebt mich", "selber" & "d-zug" probieren, wobei das Konzept dieser blind zu kaufenden Platte nicht durchweg rueberkommen kann.
Ganze Arbeit Herr Kalkbrenner, jeder Titel ist sich seinen Vorgaenger und Nachfolger voll wert!
Ich hoffe, dass ich in den Genuss der Titel von der LP auch noch komme, die noch "schminke", "streichelzoo","treibsand" und "branntware" bereit haelt.
"Paul Kalkbrenner - zeit" ist 2001 auf Bpitch Control (BPC 032) erschienen und untermauert den "state-of-the-art"-Ruf von Ellen Alliens Stadtlabel.
uebrigens auch als LiveAct zu empfehlen. 2004 hatte ich das Glueck ihn in der "Maria" am Berliner Ostbahnhof zu erleben. Sehr temperamentvoll fuer einen One-Man-Act hinter Technik. Ich hab niemanden gesehen, der nicht geschwitzt hat.
Max Marlow